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REISE | City-Guide
City-Guide Melbourne
Melbourne wurde zur lebenswertesten Stadt der Welt gekürt. Eine der buntesten und lässigsten ist sie auf jeden Fall: ideal für Trendscouts und Schatzjägerinnen
Foto: Bildagentur Huber/L. Vaccarella (1), G. Giulio/hemis.fr/Laif (1)
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MELBOURNE – DIE GROSSE LIEBE
Sanfte Anarchie in Graffiti-bunten Gassen und altenglische Eleganz in viktorianischen Pracht- straßen. Big Business in hypermodernen Hochhaustürmen, Zuckerbäckerstuben aus den Boom-Jahren der Goldgräber im 19. Jahrhundert, schicke Boutiquen mit trendiger Mode made in Australia: Melbourne verzaubert die Sinne und erobert die Herzen.
Oft ist „Multikulti“ ja nur ein Schlagwort, doch in der Hauptstadt des australischen Bundesstaats Victoria ist es wunderbare Wirklichkeit. Briten und Chinesen, Iren, Griechen, Vietnamesen und Abkömmlinge von hundert anderen Völkern prägen die 3,5-Millionen-Metropole am Südostzipfel des fünften Kontinents. Nirgendwo ist die Zahl interessanter kleiner Läden und köstlicher Minirestaurants größer. Es gibt unendlich viele Geheimtipps in Melbourne. Einen herrlichen Zugang zu diesem bunten neuen Kosmos bieten die „Hidden Secrets Tours“. Gründerin Fiona Sweetman oder einer ihrer Guides führen Kleinstgruppen auf dem „Architecture Walk“ zu alten Lagerhäusern am Yarra River und zu Art-déco-Prachtbauten an der noblen Collins Street; auf der „Café Culture Walk“ zu unglaublichen Cafés; auf dem „Sommeliers City Walk“ zu erlesenen Weinproben oder beim „Vintage Shopping“ mit einem Fiat-Oldie in die Modeherrlichkeit vergangener Dekaden.
Auf der „Lanes & Arcades Tour“ lausche ich zusammen mit zwei Schwestern aus Malaysia und einem Honeymoon-Paar aus Südkorea den Erklärungen unseres Guides zu den Arcades genannten Passagen. In puncto Eleganz können die sich mit der Galleria Vittorio Emanuele II in Mailand oder der Burlington Arcade in London locker messen. Eine völlig andere Welt zeigt uns danach unser Führer Sean im Halbdunkel der Lanes und Laneways, wie man die schmalen Lieferantenwege hinter den großen Prachtstraßen wie Collins oder Elizabeth Street nennt. Hier finden sich die Spuren all der Einwanderer, die hier statt Gold und Glück nur harte Arbeit fanden. Dann geht‘s durch den Centre Place Laneway, in dessen klitzekleinen Kneipen sich vor allem Künstler tummeln, zur ehemaligen Schalterhalle der National Australia Bank, wo heute Designerschuhe verkauft werden, und weiter durch die prachtvolle Royal Arcade in das alte General Post Office. Dieses feudale „GPO“ beherbergt jetzt etwa 50 Läden hinter seiner Fassade aus dem 19. Jahrhundert. Da gibt’s alles, was die heimische Modeindustrie zu bieten hat – und das ist nicht wenig. Immerhin exportieren inzwischen etwa 60 australische Labels nach Europa, Amerika und Asien. Stars wie Madonna oder Kate Moss tragen die abgewetzten Jeans von Tsubi, Victoria Beckham und Naomi Campbell die sexy Reißverschluss-Jeans der Kultmarke Sass & Bide und Diane Kruger schwärmt von den Girlie-Klamotten aus der Kollektion von Alice McCall.
In Melbournes ältester Konditorei, den „Hopetoun Tea Rooms“, erklärt mir schließlich Sean vor einer Vitrine mit kunstvoll verzierten Sahnetorten, welchen sehr speziellen Beitrag zur Entwicklung der Lebenskunst eine deutsche Landsmännin hier vor über 100 Jahren geleistet hat. Caroline Lohman aus Potsdam kam mit ihrem englischen Ehemann nach Australien, doch als der einen Polizeijob auf dem Land annahm, zerbrach das Glück und die junge Frau machte eine steile Karriere als Chefin von Luxusetablissements im Rotlichtgewerbe. In den 1890er-Jahren zählten Politiker und Mitglieder des englischen Hochadels zu ihren illustren Gästen. Und noch Generationen später sprach man davon, wie Caroline als „Madame Brussels“ samstags in den Hopetoun Tea Rooms mit ihren schönsten Mädchen Hof hielt.
Am nächsten Tag mache ich mich auf den Weg zum Queen Victoria Market. Unter dem Dach der Markthalle drängt sich Melbournes Vielvölkergemisch auf allerengstem Raum. Hier werden deutsche Bratwürste neben italienischer Salami feilgeboten, Berge orientalischer Gewürze neben gefüllten griechischen Weinblättern und französischen Pasteten. Wer genauer wissen will, was gekocht wird bei den Japanern, in den mexikanischen Cantinas, den englischen Fish&Chips-Kneipen und chinesischen Dim-Sum-Takeaways, kann sich zu einem der Kochkurse anmelden, die der Victoria Market regelmäßig anbietet.
Gelegenheit zur kulinarischen Spurensuche gibt es überall in der Stadt: In der Lygon Street findet man alle Arten von Pasta & Pizza, in der Victoria Street die besten Vietnamesen, in der Lonsdale Street die meisten Griechen und zwischen Spring und Swanston Street die knusprigsten Pekingenten. Wer im März nach Melbourne kommt, erlebt den kulinarischen Höhepunkt, das gut zweiwöchige „Food & Wine Festival“. Doch Gourmet-Touren lohnen sich das ganze Jahr, sie sind schwer im Trend. Die exklusivsten organisiert der Autor des jährlich veröffentlichten „Foodie’s Guide to Melbourne“ – mit jeweils drei Stopps bei den gerade angesagtesten Adressen der Stadt. Die Melbourner Gastro-Szene zieht mittlerweile Kochstars aus allen Kontinenten an. Trendsetter wie Jamie Oliver und Sterneköche wie Gordon Ramsay eröffneten Zeitgeist-Bistros und Fine-Dining-Tempel auf höchstem Niveau. Täglich schießen neue Gastro-Pubs aus dem Boden. Es gibt Restaurants mit eigenem Kräuter- und Gemüsegarten, reine Dessert-Hotspots und immer mehr Szenelokale, die unkomplizierte Express-Lunches anbieten. Was das Ausgehen betrifft, so sind zurzeit die „Rooftops“ besonders hip. Etwa die „Siglio Bar“ auf einer pariserisch gestylten Dachterrasse in der Spring Street, das „Skydeck 88“ auf dem 300 Meter hohen Eureka Tower oder den „Transit Lounge Garden“, eine Dachgarten-Glamourbar mit sexy Cocktails.
Gerade ist Melbourne auf der renommierten Liste der Mediengruppe „The Economist“ an die Spitze von 140 Metropolen gesetzt worden: als lebenswerteste Stadt des Planeten. Sydney, in dessen Schatten Melbourne lange stand, ist auf Platz sechs gerutscht. Mir leuchtet diese Rangfolge völlig ein. Allein in der Flinders Lane könnte ich einen ganzen Tag verbringen. Ehemalige Textilbetriebe mit Werksräumen und Lagerhäusern auf beiden Seiten der langen schmalen Gasse bieten perfekte Locations für Lokale in loftigem Design wie „Chin Chin“, „Cumulus Inc.“ oder „Coda“. Hier ist es jeden Mittag knallvoll, geduldig warten die Menschen an den langen Bars, bis sie einen Platz zum Mittagessen bekommen. Um herauszukriegen, wie es mit den Vintage-Schätzen steht, für die Melbourne berühmt ist, gehe ich zunächst ins Nicholas Building und durchstöbere den größten Retro-Laden der Stadt. Aufregend. Aber ein paar Straßenbahnhaltestellen weiter erlebe ich ein wahres Retro-Paradies, das Boheme-Viertel Fitzroy. Dessen Hauptschlagadern sind Brunswick und Gertrude Street mit unzähligen originellen, kuriosen, ausgeflippten, lässigen Lädchen voller Überraschungen.
Zur überwältigenden Vielfalt Melbournes gehört auch, dass man sich nur ein kurzes Stück vom Hauptbahnhof „Flinders Street Station“ wie in einem Teil der alten Welt fühlt: Das Viertel South Yarra verströmt eine Atmosphäre wie der Londoner Stadteil Chelsea. Viele schicke Villen stammen noch aus der Zeit des Goldrauschs. Neben der Toorak Road, die für ihre Antiquitätenläden bekannt ist, punktet die Chapel Street mit Hunderten Topadressen auf zwei Kilometern Länge.
Auch kulturell hat Melbourne jede Menge zu bieten. Schon mehr als einmal war ich im Immigration Museum, das einen hervorragenden Einblick in Australiens Geschichte gibt. Ich liebe das Ian Potter Centre am Federation Square mit seiner umfangreichen Kollektion australischer Kunst und die überwältigende Vielzahl interessanter Galerien. Immer wieder besuche ich eines der vielen nostalgischen Theater, unter denen mir das „Regent“ an der Collins Street am besten gefällt. Wunderschöne Entspannung bietet ein Spaziergang durch den Botanischen Garten oder durch den Albert Park mit einer Bootsfahrt auf dem See und einem Besuch des 2006 für die Commonwealth Games gebauten Aquatic Center. Bekannt ist der Park weltweit als Kulisse für den jährlichen Formel 1 Australian Grand Prix – neben dem Melbourne Cup Day, dem legendären Pferderennen, und dem Tennis-Ereignis Australian Open wichtigster Sport-Event des Jahres.
Wer sich ein paar Tage von der Besichtigung der zahllosen Attraktionen Melbournes erholen will, kann das gleich in der Nähe, in der Outer Metropolitan Area. Nur eine Stunde etwa braucht man mit dem Mietwagen zur leicht hügeligen Mornington Peninsula. Die einen fahren zum Surfen an deren Ostküste, andere schwimmen mit Delfinen oder tauchen nach den putzigen „Seedrachen“, circa 45 Zentimeter lange, seepferdchenartigen Wesen, die ausschließlich an der australischen Südküste leben. Ich flaniere lieber durch die Straßen des beliebten Badeortes Sorrento. An dieser Stelle entstand Anfang des 19. Jahrhunderts die erste Siedlung im Staat Victoria. Heute beherbergen die schönen alten Villen an der Strandpromenade Galerien, Boutiquen und gute Fischlokale. Legendär sind auch die von heißen Quellen gespeisten Pools der Peninsula Hot Springs und der Moonah Links Golf Course, auf dem Tiger Woods schon oft antrat.
Mein nächster Anziehungspunkt ist das Yarra Valley. Wo die Ryrie Brothers 1838 den ersten Rebstock pflanzten, liegt die „Yering Station“, das älteste der über 50 Weingüter, die im Hügelland sanften Chardonnay, kristallklaren Sauvignon Blanc und pfeffrigen Shiraz kultivieren. Für zwei Tage quartiere ich mich ein in einem romantischen Zimmer der ehemaligen Stallungen des 1854 gebauten Anwesens – heute das stilvolle Hotel „Chateau Yering“. Ein traumschöner Ausgangspunkt, um die umliegenden Weingüter zu besichtigen. Im Oldtimer. Am Steuer sitzt der Chef dieses Special Service, Ashley Dickinson, ehemals Straßenbauingenieur. Im Fond seines champagnerfarbenen Bentleys chauffiert er mich zu vier besonders spannenden Weingütern, die er für mich ausgesucht hat: die Domaine Chandon, seit Mitte der 1980er-Jahre australische Niederlassung von Moët & Chandon, dann das für seine Spitzenweine bekannte Weingut des französischen Winzers Dominique Portet, das besonders schön gelegene Oakridge und schließlich TarraWarra, das nicht nur für seine Weine, sondern vor allem für seine Ausstellungen australischer Kunst bekannt ist.
Nur 90 Minuten südöstlich vom Zentrum Melbournes liegt eine andere Oase der Ruhe: Phillip Island. Die windzerzausten, unberührt wirkenden Küsten des Inselchens und seine verschlafenen Dörfer erinnern mich an Martha’s Vineyard, Lieblingsinsel der amerikanischen Ostküsten-Society – bloß dass es dort keine Pinguine und Koalas gibt. Auf Phillip Island leben die Koalas geschützt in einem großen Naturpark. Schon auf der Hinfahrt freue ich mich auf das Wiedersehen mit den im Blattwerk der Euka- lyptusbäume schaukelnden Schlafmützen – Koalas pennen circa 19 Stunden pro Tag. Erfreulicher- weise haben sie nichts dagegen, mit Besuchern fotografiert zu werden. Bei den Pinguinen bin ich sehr gespannt, was passiert. Mit anderen Besuchern warte ich am Strand, als, pünktlich zum Sonnen- untergang, die ersten Pinguine auftauchen, um sich für den gemeinsamen Marsch zu formieren. Von den rund 50.000 kleinen Frackträgern im Naturreservat von Phillip Island beteiligen sich immer einige Tausend an der täglichen Parade. Obwohl mir klar ist, dass es sich hier um eine Inszenierung der Natur handelt, werde ich ein Gefühl nicht los: Die schwarzweißen Kerlchen machen das meinetwegen. Zu meinem Abschied von Australien.
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